J.J.Voskuil – Das Büro

strassenkehrer

Einmal im Jahr – Geburtstag. Sich selbst beschenken. Wieder ist es passiert. Diesmal das wohl langwierigste literarische Gesamtkunstwerk von J.J.Voskuil – Das Büro genannt. Eine Biographie eines Büroangestellten von 1957 an. Erblickte das Licht der Welt 1996 und erzeugte, wenn man dem Nachwort aus Band 1 glauben darf, eine regelrechte Voskuil Manie in den Niederlanden. Die Leute standen Schlange nach diesem eigenwilligen Buch, das (fast) ohne Sex und Crime auskommt. Das liest sich wie „Buchhalterprosa“, schimpften die Kritiker. Der Harry Potter der Niederlande? Ein neuer Marcel Proust? Nun, wenn der Spagat zwischen Potter und Proust aufgeht, muss es irgendwas dazwischen sein.

Ich bin nicht in der Lage, eine Kritik zu schreiben (wozu auch – das Leben erzählt sich weiter!), auch kann ich noch keine Empfehlung aussprechen (warum nicht, ich verbringe doch auch meine Zeit damit und muss schon jetzt schmunzeln über das Elend am Schreibtisch), ich kann also nur sagen was ist. Ich kaufte mir die fünf Bände aus dem Verbrecherverlag. Und wage zu behaupten. Das Buch wird in Deutschland möglicherweise nicht (oder vielleicht doch? – eher nein, es fehlt uns der lebende Beweis!) den Hype erzeugen, den es in den Niederlanden hinter sich hat. Bei Ersterscheinung waren mehr als 400.000 Exemplare über den Tresen gegangen. Die Lesedunkelziffer dürfte höher liegen.

Und weiter im Mythenreigen: Da haben gutbetuchte Damen sich nichts sehnlicher gewünscht, als dem armen Herrn Maarten Koning ein glückliches Leben in Rente zu gönnen – das wohl ebenfalls ausblieb. Aber weder kann ich das bestätigen noch beurteilen, denn ich habe gerademal 100 Seiten gelesen von dieser „Buchhalterprosa“, und muss zugeben: Ich bin schon ganz Freund von Maarten Koning. Der macht das durch, was alle kennen. Er lebt und arbeitet in einem Büro. Er geht auf Konferenzen. Er wird Abteilungsleiter werden. Er wird einige komische Kollegen kennenlernen. Er arbeitet vor allem in einem Büro, von dem niemand weiß, was sie eigentlich produzieren oder verfolgen.

Sein erster Auftrag lautet: Recherchieren Sie Wichtelmännchenerzählungen. Eine wirklich ernstzunehmende Aufgabe, der Maarten in aller Seriosität und dem gebotenen Ehrgeiz nachkommt, und auch gleichmal auf so krude Dinge stößt wie in Bäume gehängte Nachgeburten der Pferde. Er stößt auch auf allerlei Tradition. Er muss sich entscheiden, ob er Stendhal oder Balzac präferiert. Er sagt deutlich, dass Balzac ihm nicht liege, der habe nichts zu erzählen, denn er erzähle nichts von sich. Einspruch euer Ehren. Niemand hat Milieustudien besser beschrieben als Balzac. Aber der Stendhal erzählt wenigstens von sich. Und nur Schriftsteller, die sich selbst erzählen, könne er ernst nehmen. Da sei doch auch der Marcel Proust darunter. Ja. Da soll also auch Marcel Proust das Wasser gereicht werden. Nimmt man die Menge der Seiten, hat er ihn wahrscheinlich schon überboten. Ist das nun ein Grund, Voskuil-Fan, nein, Maarten-Koning-Fan zu werden?

Klare Antwort: Ja. Warum? Nun. Er erzählt das wahre Leben im noch falscheren Sein. Ein Büro, das keiner sinnvollen Tätigkeit nachgeht, und dem er mehr als 30 Jahre angehörte. Voskuil ist 1926 zur Welt gekommen. 1996 erschien der erste Band. Siebzig Jahre Leben liegen dazwischen. Und das nun ist das Ergebnis. Man möchte es kaum glauben, man kann es nicht fassen. Der Mann hat wirklich 30 Jahre seines Lebens einen amerikanischen Traum gelebt. Vom Angestellten zum leitenden Angestellten.

Und wieso soll ich das jetzt lesen? Wenn es doch „Buchhalterprosa“ ist. Nun, das kann ich dir auch nicht sagen. Ich würde behaupten, man muss es nicht lesen, man darf! Und da ich erst 100 Seiten gelesen habe, noch mehr als 3900 Seiten vor mir habe, und es erscheinen bald noch Band 6 und 7 … ja …dann kann ich doch endlich … lesen … lesen … lesen. Lass mich in Ruhe mit deinen avantgardistischen Ansprüchen, das ist hier ist die absolute Weltspitzen-Avantgarde!

Es ist wie es scheint. Ein Wälzer der Größenordnung Archipel. Die Bibel des Alltags. Ein Proust des Mittelstands. Die trockene Luft im Büro und vor dem Büro. Und all dies endlose Geschwätz. In dem Buch wird vor allem geredet. Sehr viel geredet. Und dass das eine einzige Person alles wieder und wieder überarbeitet haben will oder alles aufgeschrieben hat, ist schon das Ungeheuerliche an sich. Es gibt auch Hilfsmittel, schon angedeutet. Die Schreibmaschine. Aufnahmegeräte. Radio. 1957. Wann er das geschrieben hat? Vielleicht hat er es gar nicht geschrieben, sondern einfach immer nur Diktaphone volllaufen lassen? Weißt du was? Ja, ich auch. Es ist mir ziemlich egal. Ich sehe in dem Ganzen vor allem eine große Gegenposition, rein literarisch.

Wie lange schon lese ich Proust? Wie lange schon hechele ich von Schmöker zu Schmöker? Wie lange schon bin ich auf der Suche nach einem erträglichen Abbild der Wirklichkeit? Bücher Bücher Bücher. Mal wirklichkeitsnah, mal wirklichkeitsfremd, mal erschlagend mal erschütternd. Aber selten das, was ich sehe.

Und hier nun. Nichts anderes als das, was ich sehe und sah. Der Alltag ist Voskuil. Ein Koning. Ein König – dessen? Das Institut zur Erforschung der Niederländischen Volkskultur in Amsterdam ist eine Farce, eine Chiffre, eine Allegorie. Es wird nach Herzenslust gemobbt und gefaulenzt im Büro, heißt es auf dem Buchdeckel.

Naja, so herzenslustig ist das gar nicht mal. Dafür ziemlich zeitraubend. Aber wer 30 Jahre so gelebt hat, uns einen 5000 Seiten Wälzer über dieses Leben abgeliefert hat, sollten wir dem nicht huldvoll danken?

Pass auf: Ich hab das mal für dich durchkalkuliert: Ich brauche ca. 20 Minuten für 10 Seiten. Eine Stunde dreißig Seiten. Nehmen wie die schon gelesenen 100 Seiten. Macht 3 Stunden. Ich schon jetzt nur drei Stunden gebraucht habe zu lesen, aber schon mehr als drei Tage über ihn nachdenke. In sagen wir gut 30 Stunden, als in knapp einer Woche (wann willst du denn arbeiten? – nun sagen wir in knapp zwei Wochen ist Band 1 durchgelesen.) 2 Wochen pro Band. Das macht vierzehn Wochen. Dann haben wir April irgendwo. Dafür hat Voskuil dreißig Jahre in einem Büro gearbeitet. Und 70 Jahre gelebt bis zur Veröffentlichung.

Siehst du. Lesen ist effektiver als Leben. Soweit. Kampflesen also? Nein, ich will nicht mehr kampflesen. Ich will einen Freund! Einen echten Weggefährten und Leidensgenossen. So gesehen. Ein Glücksfall. Glaube schon. Denn seine Frau meckert auch die ganze Zeit rum. Das ist nichts als die Wahrheit zwischen den Zeilen. Und manchmal schlief ich schon ein. Mich fasziniert das. Ich spüre ihn wie einen Bruder, wie meinen Schatten. Ich Ich – und die anderen. Sie reden und reden und reden. Ich habe erst angefangen zu lesen. Und werde berichten. Es geht nicht anders. Wir verstehen uns schon jetzt ganz gut.

Dieses Erleben beim Lesen, bin ich sicher, werde ich nicht vergessen, so oder so. Kann mich auch irren. Sehen wir spätestens im April. Vielleicht auch mal zwischendurch.

voskuil

 

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  1. 1958 – das Jahr in dem ein Genie einen Schlaganfall erleidet und stirbt, obwohl er noch Mietschulden hat. Die Blumen seiner Vermieterin nicht zur Beisetzung erscheinen. Ob sie sie jemals bestellt hat, steht auf einem anderen Blatt. 1958 das Jahr, in dem Koning Fragebögen in einem Altersheim verteilen soll. Einziger Erfolg: Auch zwei der Anwohner kennen die Geschichte von der Nachgeburt der Pferde, die man in Bäume hängt. Auch in diesem Jahr gibt es eine Konferenz. Sie muss aber im Privathaus eines der vielen Professoren stattfinden, da der Mijnherr bettlägrig ist. Aber noch gut bei Verstand. Sie haben festgestellt, dass die Auflage der Zeitung, für die sie offenbar engagiert sind, stabil ist. Zwei neue Abonnenten. Liegt so zwischen Alptraum und Wirklichkeit. Wenn ich mich recht erinnere, waren es 249. Hauptsache stabil. In diesem Jahr, haben sie festgestellt, ist scheinbar nicht nur das verstorbene Genie sehr einsam gewesen, sondern auch der Frans. Der Möchte diese Einsamkeit ausgleichen, indem er sich einen Hund anschafft. Nur will er diesen Hund auch regelmäßig mit ins Büro bringen. Es dauert eine Weile, bis er sich traut, Beerta zu fragen. Der findet das überhaupt nicht witzig. Kommt nicht in Frage. Da Frans schonmal einen seltsamen Anflug von Eigensinn an den Tag gelegt hat… er einfach mal beschließt, durch die Gegend zu trampen, ohne das voranzukündigen, entschließt er sich zu kündigen. Das gibt Maarten zu denken. Überhaupt hat Maarten allmählich das Gefühl, dass sein ganzes Leben vom Büro bestimmt ist, er die Leute nun auch schon, wie es die anderen machen, zu sich nach Hause einladen soll. Kommt erstmal nicht in Frage. Sein erster Besuch: Frans Veen. Das geht dem lieben Maarten derart zu nah, dass er gleich in der folgenden Nacht von einer Maus träumt, die doch eher eine Ratte ist, und da sie seine Ratte ist, wird er wach und weckt auch seine Nicolien, die aber behauptet, das sei nur eine Maus, die auch ein Zuhause verdient hat. (Diese Korrektur muss ich vornehmen, da ich nun schon im Jahr 1959 unterwegs bin und zu begreefen anfange, was es heißt, einen „Roman ohne Plot“ in Händen zu halten. – Voskuil scheint sich warmgeschrieben zu haben und nimmt nun aber auch keine Rücksicht mehr auf etwaige Leser … der oder die muss oder müssen nun aufpassen, nicht abgedriftet zu werden … doch davon inm nächsten Kommentar) Auch in diesem Jahr gibt es Nikolaus und schon war das Jahr … aus. Aber einen Strammen Max hat er auch gegessen.

    Beim Lesen ertappte ich mich dabei, dass ich einige ironische Hinweise nicht mehr wahrnehme … zum Beispiel das immer wieder ironische Sprechen des Beerta. Ironische Mundwinkel. Ironisches Lächeln. Ironisch eben. (irgendwie kommt mir das bekannt vor. Diese Ironie des Bürovorstehers, der dadurch jeden ein bisschen herabsetzt, nicht wahr, Mijnherr?) Überhaupt muss man aufpassen, dass man ein paar Feinheiten beim Lesen nicht einfach übersieht, weil die Typen wirklich nichts anders machen den ganzen Tag als zu reden.

    Eigenartiger Nebeneffekt. Während man es liest, beginnt man sich schon auch zu langweilen. Aber das ist nicht wirklich Langeweile … vielliecht nicht gestillte Neugier? Legt man es allerdings beiseite, schläft seine Runde, fühlt man sich gleich am nächsten Morgen berufen, weiterzulesen. Die Arbeit ruft! Man ist schon ganz Angestellter eines Büros, in dem wirklich nichts gemacht wird als nach Wichtelmännchen zu forschen und unsinnige Europaatlöanten zu enwerfen und sich darüber Gedanken zu machen, wie viele Menschen wohl im Jahr 2000 den Glos bevölkern. Und natürlich miteinander und inzwischen auch immer mehr übereinander zu reden. Das mit der Langeweile weiß ich, darf ich nicht überbewerten, denn ich habe ja nun noch 4800 Seiten vor mir. Das Leben eines Buchhalters, der Wichtelmännchengeschichten recherchert. Im Hintergrund, wissen wir auch, gibt es viele Profssoren, also Vorsicht, die hören bestimmt zu. Und gucken ironisch. Allwissend. Gefährlich.

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  2. 1959, das Jahr, da ich auf den ersten dreißig Seiten die Orientierung verlor, weil ich mich an den Ton der Gespräche gewöhnt hatte, die Gedanken abschweiften. Plötzlich aber, ja, genauso plötzlich. Da widerfährt dem Maarten Koning ein Abenteuer. Er fährt in Sachen Atlas und Wichtelmännchenerzählung nach Deutschland, denn auch in Deutschland muss eine Karte für diesmal die deutsche Volkskultur etabliert werden. Deutschland. Darüber müsste Maarten einen Roman schreiben, aber wenn er ihn schriebe, wäre das, „als ob es ein Negerstamm in Afrika wäre, und man stelle sich die heilige Empörung vor, die dies hervorrufen würde.“

    In diesem Deutschland landet Koning in einem Dorf mit einem gutbürgerlichen Hotel und macht auf eigene Faust einen Spaziergang. Er landet in einer Kneipe mit vielen Studenten und einem Fernseher, auf dem gerade ein Fußballspiel übertragen wird. Ein Lärm ist das. Und ein Gejohle und Geschrei, als das Tor geschossen wird. Ob Koning ein Franzose sei, wird er gefragt, der offenbar die Freude der Deutschen nicht zu teilen vermag. Am Ende des Tages landet er auf seinem Hotelzimmer und stellt fest, dass er, seit er verheiratet ist, das erste Mal allein in einem Bett schläft. Er hört heran rollende Züge und fühlt sich an, als wäre er im Krieg.

    In diesem Jahr wird er sich einer Kulturgrenze bewusst. Folgt man dem Mythos der in Bäume gehängten Nachgeburten der Pferde, muss man feststellen, dass die Nachgeburten der Pferde Höhe Limburg nicht in Bäume gehängt wurden, sondern begraben. Diese Entdeckung möchte Maarten dem Beerta mitteilen, doch der hat wie immer zu tun. Der liest zum Beispiel in der Zeitung und entdeckt ein Bibelzitat, das er gleichmal laut vorträgt. Wo das wohl her sei, fragt er Maarten. Aus der Bibel, vermutet Maarten richtig. Richtig, aber wo in der Bibel. Keine Ahnung. Nun, „in Römer 7, Vers 18 und 19. Deine Bibelkenntnisse sind nicht berauschend.“

    Später dann die Stichelei Maartens Richtung Beerta. Der interessiere sich nichtmal für den Atlas, der interessiere sich immer nur für Konferenzen, und dass er seinen guten Ruf aufrecht erhalte … ein starkes Stück von Maarten. Dass Beerta sich wenig um Martens Kulturgrenze kümmert, bringt Maarten nun doch noch gegen Beerta auf, er stellt Beerta zur Rede, und der scheint so betroffen, dass er fast zu weinen anfängt.

    Trotzdem muss das noch mit Nicolien und Klaas beredet werden. Ein wirklich starkes Stück. Maarten muss Beeta helfen, „seine Privilegien zu verteidigen.“ (Die des Beerta, versteht sich.)

    In diesem Jahr erhält Maarten außerdem Besuch von Frans Veen, der ist inzwischen Lehrer geworden und würde am liebsten seine Schüler ständig verdreschen, Veen hat aber Angst, er könnte dabei einen der Schüler versehentlich erschlagen. Also belässt es Veen bei der Erzählung.

    Schließlich möchte Maarten auch mal ins Museum. Beerta macht das doch ständig. Rein im Auftrag der Firma natürlich. Also möchte Maarten nun auch mal hin. Aber nur, wenn Maarten auch den Museumsdirektor begrüßt. Kommt nicht in Frage. Sie einigen sich darauf, dass Maarten es auf den Moment ankommen lässt. Aber Maarten soll schon wissen, dass der Museumsdirektor unglücklich wird, wenn er erfährt, das Maarten im Museum war, ohne den Museumsdirektor gegrüßt zu haben.

    Ein weiteres Jahr voll der kleinen Episoden. Und Beerta dreht kurzerhand den Spieß um und stellt Maarten zur Rede. Nicolien darf mitkommen …
    „… wollt ihr noch eine Tasse Tee?“
    „Nein“, gab Maarten zu.
    Sie bekamen eine zweite Tasse Tee.

    Ansonsten kommen Schlüssel, eine leere Milchflasche und niederländische Schiffskobolde vor. Oder Kreuzworträtsel:
    „Wovon lebst du denn jetzt?“ (Das fragt Beerta den Ansing)
    „Von Kreuzworträtseln, Herr Beerta.“
    Von Kreuzworträtseln?“ wiederholte Beerta erstaunt. „Ich habe gar nicht gewusst, dass man davon leben kann.“
    „Wenn man nur genug löst.“
    „Was ist genug?“
    „Durchschnittlich zehn am Tag, aber, Herr Beerta“, er beugte sich etwas vor, ohne den Rücken krumm zu machen, und legte die Hand auf den Bauch, „ich liebe Kreuzworträtsel.“
    Beerta betrachtet seine Jacke. „Was hast du da für eine Auszeichnung am Revers? Doch nicht für das Lösen von Kreuzworträtseln?“ an seiner Stimme hörte man, dass er entzückt war.

    Ich bin mir schon im Klaren darüber, dass ich das Buch in der Art nicht Stück für Stück an die Öffentlichkeit zerren sollte – will ja zum Lesen dieses wunderbaren Buches animieren. Will damit schließlich aber auch zum Ausdruck bringen. Es ist gespickt mit schönen Minaturen, kleinen zwischenmenschlichen Nickligkeiten und Unterstellungen oder Anspielungen. Ich habe für mich jetzt einen schönen Rhythmus gefunden. NIe mehr als 50 Seiten pro Tag. Und auch nicht zu schnell lesen. Denn sonst entgehen einem die Details.

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  3. 1960 – gerademal 67 Seiten. In diesem Jahr erscheint endlich der Atlas und wird zweimal unter die Lupe genommen. Die Kritik Güntermanns (Deutschland) fällt moderat begeistert aus, die Kritik von Dr. G.J.Pieters allerdings bringt neuen Schwung in die Sache. Denn Pieters verweist auf die Volkserzählungen, die seine Studenten in verschiedenen Orten Flanderns gesammelt hätten, und die überböten die Inhalte der Fragebögen zum gedruckten Atlas um ein Vielfaches. Ein wirklich harter Einwand. Das führt zur Beantragung eines neuen Budgets, um nun ebenfalls weitere Volkserzählungen einzuholen. Mit Tonband ausgestattet irritiert Maarten erst seine Frau, dann erste Interviewpartner, schließlich findet Nikolaus wie im letzten Jahr im Buch keine Erwähnung. Dafür aber geht es mit Papa ins Kino. Und Papa will noch immer, dass Maarten einen Doktor macht. Und sowieso: Es erscheint gleich in den ersten Tagen des neuen Jahrs ein Harr Bart, der sieht die Ergebnisse des Herrn Koning bestenfalls als Hypothese von etwas an, aber noch lange nicht bewiesen. Gemeint ist die die von Maarten ausfindig gemachte Kulturgrenze bei Limburg etwa. Ein kurzes Jahr.

    – Sag, wie kannst du tagelang so in langweiliges Buch lesen?
    – Langweilig? Das Leben ist langweilig, und du vielleicht, nicht aber das Buch. Außerdem lese ich nicht tagelang, sondern wochenweise. Gerade ist die erste Woche rum und ich lerne, alles nicht so verbissen zu sehen, im November.
    – Und dafür liest du mehr als hundert, zweihundert, dreihundert, jetzt schon fast vierhundert Seiten? Hast du nicht Angst, dass man über dich lacht?
    – Wieso sollte ich?
    – Nun, um dich herum bricht die Welt zusammen und du gehst jeden Tag mit Maarten ins Büro.
    – Ja. Besser als jeden Tag wirklich ins Büro zu gehen.
    – Wie, du gehst nicht jeden Tag ins Büro?
    – Nein, nicht mehr nötig, das macht Maarten für mich.
    – Und was ist mit deiner Arbeit, bleibt die nicht liegen?
    – Welche Arbeit? Das sind nur Mails.
    – Mails, ja.
    – Oder um es mit Maarten zu sagen: Briefe. Kommen auf mein Handy. Von dort in den Spam. Von dort in den Müll. Und von dort auf nimmer Wiedersehen.
    – Aber dann wird man sich bald über dich beschweren ….
    – Wieso?
    – Weil du nicht mehr antwortest.
    – Naja. Ich kann sie ja weiterleiten. Die anderen sie beantworten lassen.
    – Ich fürchte, das geht schief. Nicht dass du deinen Job verlierst.
    – Keine Sorge. Ich schreib‘ einfach, dass ich krank bin. Oder mal eben per Anhalter nach Spanien unterwegs. Und wenn ich wiederkomme, bewerb‘ ich mich für eine Stelle als Lehrer.
    – Als Lehrer? Bei dem Chaos?
    – Besser in dem Chaos, als in diesem!
    – Und?
    – Nun, weiterlesen. Immer wenn ich unsere Wirklichkeit ermessen will, werde ich förmlich erschlagen, tauche ich aus Maartens Wirklichkeit hervor. Tauche ich wieder in seine ab, verschwindet diese hier … ganz und gar.

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  4. 1961

    – will Frau Haan die lumpigen Vorhänge austauschen und einen neuen Teppich im Büro und auch ein paar Bedenken wegen der nicht wirklich adäquaten Kleidung von de Bruin anmelden.
    – fischt ein Postbote eine Katze (Jonas) aus der Gracht – Jonas will nichts essen, er wird wohl sterben, glaubt Marten.
    – schreibt Frans einen Abschiedsbrief. In einem zweiten Brief liest er sich schon viel versöhnlicher, doch dann ruft Frans Veens Vater an und beordert Maarten und Nicolien ins Krankenhaus. Frans liegt dort wegen „König Ödipus“. „Einen Ödipuskomplex?“, sagte Beerta erstaunt. „Den haben wir doch alle.“ „Vielleicht ist es bei ihm schlimmer als bei uns.“ Nach dem Besuch in der Valerius Klinik sind sich Nicolien und Maarten einig, dass der den Frans Veen betreuende Arzt ihn niemals wird heilen können. „Ein Dummkopf“, bestätigte Maarten.
    – in dem Maarten und Nicolien fast in eine Schlägerei verwickelt werden und Maarten mit drastischen Worten bekannt gibt, dass er sie erschießen würde, wenn es nach ihm ginge. Oder wenigstens den Wehrdienst für solche Burschen verlängern. Im Traum schließlich er einen der Burschen tötet, was er vor dem Richter nichtmal bereut. Ach, wenn sie doch nur fromm wären und daran glauben könnten, dass nach dem Leben alles besser wird.
    – in dem Hendrik Beerta bekanntmachen will, dass er sich mit Fräulein Rensink verloben möchte. Beerta bittet sie, nicht noch im Büro rumzuschmusen. Darauf lässt Hendrik mit lautem Geräusch einen fahren.

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  5. 1962
    – das bislang anstrengendste Jahr. Der arme Frans Feen immer verrückter zu werden scheint. Es ereilen die Konings lauter Briefe, die man in der Form nichtmal seinen engsten Vertrauten zumutet, der Frans aber schickt sie unverdrossen an die nun doch in Sorge geratenen Freunde. Einmal wird Frans mit 120 km/h ins Krankenhaus gefahren, da hat selbst Frans das Gefühl, es muss was Ernstes mit ihm vorliegen.
    – Im Büro selbst dicke Luft. Zum Schneiden dick. Die Haan dem Beerta Alleingänge unterstellt und das alles an die ganz große Glocke hängt mit Briefen an die „Heeresleitung“, den Verwaltungsrat. Dabei ist doch nur zu offensichtlich, dass mit Nijhuis etwas unternommen werden muss, immerhin fehlte er fast ein ganzes Jahr krankheitsbedingt.
    – In diesem Jahr spricht Beerta schon von seiner Nachfolge. Und Maarten Koning fährt ebenfalls immer häufiger zu irgendwelchen Kongressen. Zum Kongress in Belgien darf auch Nicolien mitfahren, obwohl sie die Entwicklung ihres Mannes noch immer eher kritisch verfolgt.
    – das Alter nagt nun doch schon sehr an Beerta. Im Kongress in Belgien, nachdem nun wieder ewig und drei Tage über Bistumsgrenzen, Wichtelmännchen und Milieuzeichnungen gesprochen wurde, „sahen sie zu Beerta hinüber. Sein Kinn war auf die Brust gesunken, die Augen waren verschlossen. Er schlief.“ //Zwischennotiz. Gestern keine Zeit zum Lesen. Es fehlen diesem Jahr noch 50 Seiten. Folgt.

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