Das Literarische Quartett

In der letzten Woche war ich auf einem Seminar über die Möglichkeiten der Kommunikation eines Autors mit Verlegern, Agenten, Lesern und Kritikern. Dort entstand die Empfehlung, Kritiker nicht zu kritisieren, sich nicht auf das Kritisierte einzulassen, da das immer beleidigt klingt – man lasse es lieber an sich vorbeiziehen. Die Kritiker sind nach dem letzte Instanz eines Buchs.

Nun gab und gibt es etliche Formate, auch im Fernsehen, die das Medium Buch zum Anlass nehmen, sich ausführlich oder wie hier, flüchtig, mit den Inhalten der Bücher zu befassen. In diesem Quartett i.d.R. vier Bücher, pro Akteur eins. Die Rollenverteilung war in den letzten Sendungen klar. Biller darf alles, Frau Westermann geht häufig verteidigen, Herr Weidemann sagt dem Biller, dass er doch nicht alles darf, und der oder die Vierte im Bund kämpft sich irgendwie durch.

In der letzten Runde ging Glavinic dabei baden, diesmal der im Anfang noch freundlich gestimmte Herr Hacke – es gab nun aber eh nicht mehr viel hinzuzufügen, da die Messe nicht wirklich Lesbares bereithielt – außer ein halbfertiges Buch eines John Fante, das durch seine Unambitioniertheit besticht, so Biller. Dabei hatte Frau Westermann Angst, Biller könnte es verreißen, weil es so einfach geschrieben sei. Zur Überraschung war es ein glatter Durchmarsch eines immerhin 144 Seiten dicken „Roman“ genannten Buchs.

Das ist nunmehr die dritte Sendung, die ich mir „angetan“ habe. Noch immer ist das eine sehr gehetzte Veranstaltung, eine mit Sprungfeder und Beschleunigung – und wir sind ja hier nicht im Literaturclub, hatte Biller einmal gesagt. Überhaupt der Biller. Ist das eine Marke inzwischen? Und wenn ja, welche? Ist das wirklich Literaturkritik? Welche literarischen Kriterien sollen das sein?

„Die Sprache ist leider die eines alten Mannes, der nicht verstanden hat, dass man so eine Geschichte gerade in einer modernen Sprache schreiben muss.“

Das sagt Biller über Ransmayr. Niemand braucht Ransmayr mehr in Schutz nehmen oder verteidigen. Und trotzdem. Wenn wir schon von Literatrur sprechen, so doch wohl auch von Sprache? Vom Umgang mit Worten.Von Fingerspitzengefühl? Vor großem Publikum.

Im Verhältnis zu früheren Sendungen war Biller diesmal eher sorglos, sicherlich gedämpft, moderat und vergleichsweise vorsichtig. Warum dann aber vom „alten Mann“ reden, der Ransmayr *1954, Biller *1960, gerademal 6 Jahre älter – da will ein Schriftsteller einen anderen in den Ruhestand schicken? Möglicherweise ist das Buch tatsächlich „alt“ – und nicht mehr aus „Die letzte Welt“, sonderen einer „Alten Welt“ – aber warum wird es dann noch besprochen?

Wir haben 30.000 Neuerscheinungen, und sie picken sich einen „alten Ransmayr“? Aber es geht ja noch älter: Lew Tolstois „Auferstehung“.

Schließlich noch die wieder aktuellere Joan Didion. Dass Biller auf linksliberales Rumheucheln nicht gut zu sprechen ist, wird wohl auch der letzte Linksliberale endlich nur noch begreifen müssen. (Ich weiß nur nicht, warum er da jedes Mal so vehement drauf zu sprechen kommt – muss man den Einwand noch ernst nehmen? Linksliberales Geheuchel. / das Pandon wäre dann rechtskonservative Klarheit? / keine Ahnung.

Ich sollte dann doch mal das seit Monaten hier rumstehende Buch lesen: Klarer und unambitionierter Titel: Biographie. Mit echter Ich-Figur darin – dabei sind sämtliche Figuren frei erfunden – „alle Ähnlichkeiten mit Lebenden und Verstorbenen sind deshalb rein zufällig und nicht beabsichtigt.“ Steht so im Buch. Ist aus diesem Jahr: 2016. Da schreibt selbst Elfriede Jelinek: „Ich gratuliere, ich kenne nichts Vergleichbares.“ / Wir sehen uns – so mich das Buch nochmal freisetzt.

Neues Kriterium gelernt: Unambitioniert schreiben. 

Zur Sendung: Das Literarische Quartett

 

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