Komalesen 2016

Bücher Bücher Bücher – die der anderen, die eigenen, Hardcover Ebook – den Überblick habe ich lange nicht mehr. Und so orientiere ich mich noch immer an den wenigen Leitplanken, die mir der Buchmarkt bietet: Bestenlisten (SWR), Zeitungsartikel (überwiegend NZZ und FAZ) ab und an lasse ich mich im Buchladen inspirieren, und neu hinzugekommen sind die Blogs über Bücher – hier ! Kompliment an euch da draußen !: bin ich am Fündigsten geworden. In den Blogs, so meine Einschätzung, scheint die Liebe zum Buch ungebrochen. Es erstaunt mich immer wieder wie, erstens: so viel gelesen werden kann, wie zweitens: darüber so ausführlich berichtet wird, und wie drittens: Bericht und Inhalt des Buches häufig auch noch übereinkommen. Ohne einzelne hervorzuheben, muss ich an dieser Stelle einfach auch mal ein Dankeschön loswerden. Es ist ja nicht selbstverständlich, so viel Zeit und Mühe zu investieren für ein paar Kommentare oder Likes. Hut ab !

Ich möchte nun an dieser Stelle die für mich wichtigsten Bücher des Jahres 2016 nochmal hervorheben, das sind nicht immer Neuerscheinungen, gerade weil ich auch viele der Bücher, neu erworben, noch nicht mal wirklich durchgelesen habe. (Die nicht Gelesenen werden hier auch nicht erwähnt)

An absolut erster Stelle steht für mich carrereDas Reich Gottes von Emmanuel Carrère. Frech. Lästerlich. Und doch respektvoll. Schon wieder eine Saulus-Paulus Verwandlung? Aber sicher doch! Und was für eine. Wer sich für christliche Mythologie interessiert und für das Carrèrsche Krankheitsbild: „mir ist Jesus Christus erschienen“, unbedingt lesen! Hier gilt: (Das Buch ziehe ich dem E-Book vor.)

Da ich selbst christlich einigermaßen überformt wurde, tat mir dieses Buch doppelt gut. Einmal mich auf Abstand bringen zum Allerheiligen und dann doch eine Versöhnung voranzutreiben, nicht so sehr vor dem Hintergrund, dass man sich distanziert oder persifliert, sondern die Sache, diese Weltreligion, einmal mehr ernst nimmt, um sie dann doch auf relationalen Abstand zu bringen, in Relation zum Ganzen (und das Ganze ist dann einmal mehr auch das Ich – das Autoren-Ich, schonungslos offen). Das beste Buch, was ich je über unser aller Religion in diesen Breiten in der Hand hatte. Carrère hier ist weit mehr als nur eine persönliche Distanzschleuder. Mit diesem Buch ist man gleich besser geschirmt gegen die, die einen immerzu auf dem falschen Fuß erwischen wollen, vor allem in der eigenen Naivität, in der Art und Weise, alles Religiöse immer und einfach und salopp in die Wupper des Säkularen zu werfen.

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Ein weiteres Buch, das mir doch tatsächlich aus dem Literarischen Quartett entgegengereicht wurde, hat mich ebenfalls schwer beeindruckt. Es ist dies „Was ich sonst noch verpasst habe“ von Lucia Berlin. Es hat von vornherein einen ganz eigenen Charme, eine einfache Sprache, eine Unbedingtheit der inneren Stimme. Spröde manchmal, gefühlig auch, und doch unglaublich präzise in allen Details. In Sachen Kurzgeschichten ein für mich neuer Maßstab, obwohl schon so „alt“ – entstanden von 1960 bis 1980 … jetzt in Deutsch. Da ist jeder Absatz eine wunderschöne Briefmarke. Ein Lebenszeichen von Literatur.

 

Zu J.J. Voskuils Das Büro will ich nicht mehr viel sagen, habe ich zum ersten Buch doch schon eine Besprechung abgeliefert – und mit den anderen vier bin ich noch nicht weit – um nicht zu sagen: Endlich Feiertage: Endlich darfst du dich mal hinfläzen, 1640_l die Beine in die Horizontale und den werten Maarten sich an deiner Stelle abstrampeln lassen. Ja, das ist Buchhalterliteratur. Ja, das ist so ziemlich das Langatmigste, was ich in Händen hielt. Ja. Es geschieht (fast) nichts. Ständig ist da was „lecker“ oder ständig ist da jemand kurz davor durchzudrehen. Ja, da ist ein schwuler Bürochef. Ja, da gibt es jede Menge Dialoge. Es ist dies das Entschleunigerbuch schlechthin. Und kaum vorstellbar, dass damals ganz Holland in Ohnmacht fiel … aber das muss mit den Kulturgrenzen zusammenhängen, von denen Maarten eine in Koblenz ausfindig gemacht hat. Ja. Das ist ein Büro, in dem es sehr geschäftig zugeht, obwohl sich nur um Unsinn gekümmert wird.

Diese Ansammlung der Buchcover soll also einen Hinweis liefern, mit welchen thomas-melleBüchern ich dieses Jahr kräftig aneinander geriet. Da ist Thomas Melles Die Welt im Rücken. Ein Wahnsinnsritt durch die Welt eines Bipolaren. Ein Buch, dass ich in einem Rutsch durchgelesen habe – mit entsprechender Ratlosigkeit legte ich es beiseite – und wenn Ironie und Mitleid die einzigen Mittel sind, die einem Autoren den Weg zum Leser oder zur Leserin ermöglichen, so ist jeweils von Ironie und viel Mitleid die Rede – würde ich sagen: mit anderen Worten: Wer den Humor eines Manischen mit der Untergangsstimmung eines Depressiven paart, hat noch immer nicht klar, welche Tunnelfahrten oder Kämpfe wie Krämpfe eine menschliche Seele noch schultern muss und kann. Ein starkes Buch, weil gnadenlos. Das lasse ich mir auch nicht von Kriterienapostel der Literaturszene ausreden.

enardMathias Enard Kompass: Nochmal die Religion. Und nochmal die Völker(miss-)verständigung. Und nochmal ein großes Werk. Ein kopflastiges Buch. Manchmal nicht so einfach zu folgen – weil monologisch und essayistisch – und die Lovestory scheint von der Kopfwelt infiziert. Rein Liebe auf Geheiß es nicht geben kann. Sich der Okzident dem Orient zuwenden muss, will er verstehen. In Zeiten, da Polarisierung und Vereinfachung um sich greifen. die Schaumschläger und Vulgärpropheten wie Nationalverwirrte das allgemeine Narrativ zu erobern glauben, ist ein Buch wie dieses ein weiterer Schutzschild gegen die Blödigkeit derjenigen, die mir weißmachen wollen, ich habe mich geschirmt und bewaffnet an der Grenze aufzuhalten, um den Islam aus Europa fernzuhalten. Hut ab vor dieser Reise, Hut ab vor diesem Buch, Hut ab vor dem Autor – der den anstrengenderen Weg geht: Nicht folgen denen, und gefallen wollen, die gerade Massen- und Kassenschlager erzeugen, sondern Position finden und suchen in der eigenen Wahrnehmung und Erkenntnis.

Nicht immer nur Kopf – nicht immer nur Geist – lass es auch mal unterhaltsam sein. Nun, zugegeben, mich bekommt man mit Unterhaltung kaum noch gereizt. Das Spielkind will trotzdem sein Klötzchen? Nun. Wer Unterhaltung will, gut geschrieben, ist sicher mit den beiden amerikanischen AutorInnen Emma Cline und Nathen Hill sehr gut bedient. Problem an diesen Geschichtchen: sie bleiben kaum hängen. Sie unterhalten dich prima. Aber es bleibt irgendwie nichts im Gedächtnis. Muss aber nicht an den Büchern liegen, kann auch an mir liegen. Wie gesagt. Das mit den Klötzchen und den Farben. Scheint irgendwie an Kraft zu verlieren. Trotzdem liegt man mit den beiden Büchern unter dem Gesichtspunkt „schlaue Unterhaltung“ nicht fehl.

Meine beiden deutschsprachigen Empfehlungen außer der Reihe: Das Buch von Thomas von Steinaecker ist, so man ihm glauben darf, überhaupt nicht im Vorfeld oder im Kontext der Flüchtlingskrise entstanden, sondern als eher dramatischer Science Fiktion fast – so ein seltsamer Plot aber auch: Stell dir vor, alle sind weg und du bist mit einer kleinen Clique zurückgeblieben und kannst Deutschland nicht verlassen. Die Idee allein ist schon sensationell. Die Sprache ist sehr fließend – eine für die jungen Jahre des Steinaecker fast schon Thomas Mann’sche Allegorie? Feines Buch mit seltsamer Pointe. Die Welt danach – möglicherweise auch eine Cormac McCarthy Parodie. Ein guter Roman zwischen Unterhaltung, Abenteuer und philosophischem Ausflug.

Ganz anders das Buch von Helmut Kuhn. Eine eher zufällige Begegnung macht mich zum Leser eines Buchs, in dem zwischen Wehmut, Heimat, Altwerden und Dementsein eine Kurt Vonnegut Figur die Spuren seiner Omi aufnimmt – und den Text der Omi mitlaufen lässt auf Tonbändern. Dabei werden die Erinnerungen Omis zum Roadmovie für Holli – der, zwischen Berlin und dem Altersheim in Fulda hin und her fahrend wieder und wieder auf die verloren Heimat in Mähren gestoßen wird – ein Text mit viel Herz, der aber immer, das spürt man, vom Autor an der kurzen Leine gehalten wird. Eine Methode, die das Buch zu einem überall und an jeder Stelle aufschlagbaren Erzählband macht, und immer bist du gleich bei der Hauptfigur, Hollis Omi, die morgen noch erzählen würde, wenn das Buch nicht durch seine Buchdeckel begrenzt wäre.

Auf der Suche nach Anthologie und ein bisschen Literaturtheoretischem bin ich auf diese zwei gestoßen:

Das eine Buch, Francis Ponge, ein Klassiker wohl unter Literaten, ein prüdes Werk. Wer schon immer wissen wollte, wie eine Muschel, ein Kieselstein oder ein Tisch aussehen, bzw. zu beschreiben sind – wird hier fündig. Und sicher kein Schmöker, sondern eine permanente Klarzeichnung? Nun, auch das nicht. Denn wie willst du semantische Dichte erzielen, wo ein Wort, ein Ausdruck oder ein Satz in vielen Fällen mehrere Bedeutungen haben kann – und dann noch wie bei Ponge – der Wechsel und das Spiel zwischen und mit Thema und Variation entstehen – jaja, die Musik. Im Vorwort der Schlusssatz lautet: „Es ging und geht einerseits darum, Bedeutungen zu fixieren, es geht aber auch darum, sie vibrieren zu lassen.“ Dieses Buch lese ich nicht in einem – ich nehme es zum Nachmittagstee

– Ganz anders das Büchlein des Buchliebhabers und Journalisten Pieter Steinz. Ich weiß nicht mal mehr, wie es meine Bibliothek erreicht hat. Das Nachwort ist von meinem Lieblingsautor A.F.TH van der Heijden und heißt überschrieben KOMALESEN. Das sagt schon alles. Ein Buch über das Lesen, nicht über das Schreiben. Und lese ich darin herum, bin ich wieder ganz bei Voskuil. Sie (die Holländer dort jenseits der Kulturgrenze von Koblenz) haben einen Pragmatismus in allem, was sie anfassen, auch beim Lesen, wie übrigens auch beim Sprechen : da wollen schon mal Vokale überhaupt nicht über die Lippen, cum ergo: ein kleines nettes Lesebuch über die Persönlichkeitsveränderung … beim Durchforsten von Büchern.

canettiBleibt mir nur der nochmalige Hinweis auf eines der größten Bücher, die ich in den letzten Jahren in Händen gehalten habe. Elias Canettis Das Buch gegen den Tod. Das empfehle ich immer noch jedem. Eh ein großer Autor, der sicher bald wieder eine Renaissance erfährt – je nach Entwicklung in Europa und weltweit. Jetzt und heute, wo Masse statt Qualität groß geschrieben wird. Da darf ein Buch auch mal in einem sehr zurückgenommenen Gewand auftreten. Wahrscheinlich eh keine andere Wahl: Bei dem Rumkrakehlen und Brüllen der Vordergründigen: Nur die Ruhe bewahren. Relativieren. Zurücknehmen. Und sich schlau machen. Insofern bin ich ganz bei den „Leisen“ (Büchern).

Bleibt mir noch ein frohes Fest zu wünschen und einen guten Übergang ins neue Jahr. Die Zeiten wirken schwierig. Aber auch die Hoffnung geht nicht flöten. Solange solche AutorInnen gedruckt werden. Aber sicher doch!

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