Ingeborg Bachmann Preis 2017 – Tag 1 –

Vorneweg – fulminate Antrittsrede von Franzobel – deckt sich mit Politikverdruss und Übersättigung – es scheint das Nischenprodukt Literatur am Urknall einer Neuorientierung mehr als nur zuschauend beteiligt – wenn am Anfang das Wort stand, so steht der Anfang im Wort – täglich neu.

Lesungen:

Karin Peschke – Wiener Kindl

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  • H.Winkels: zu wenig, zu einfach, zu emblematisch – incl. kleiner handwerklicher Fehler
  • S.Kegel: Opfer der Verzärtlichung – (als interessanter Move) – das was sich der Text vornimmt, löst er auch ein.
  • M.Feßmann: versucht den Ausschnitt erstmal zu erklären – das Setting sei schlicht – interessant vor dem Hintergrund der Naturwüchsigkeit
  • H.E.Keller: eine art Hybrid, modernes Märchen – Element: Silberlöffel, Hunde, letzter Mensch. Unbestimmtes Gefühl. Schöne Ansätze mit poetischen Sätzen, andererseits gestauchte Sprache – kommt alles nicht ganz zusammen.
  • K.Kastberger: gleich die Apokalypse, ums hinter uns zu bringen. Text als Beispiel, was alles schief gehen kann mit einem Text über Apokalypse. Trotzdem glaubhaft und ganz doll gestaltet.
  • S.Gmünder: große Kunst – Querverweis zu Bernhards „Ein Kind“; neutral gehalten, aus einer übergeordneten Stimme heraus.
  • M.Widerstein: Ambitionierte Genremischung. Starke Bilder. Erzählerisch zu wenig Reduktion. 1/8 des Textes streichen, dann würden die Bilder erhalten bleiben.

Björn Treber – Weintrieb

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  • H.Winkels: Text hat viele Unbeholfenheiten. Würde die Genauigkeiten zu Umständlichkeiten erklären wollen.
  • S.Kegel: in der Bildererzeugung zu schwach. Besondere grafische Setzung. Extrem kleine Schrift. Ein optischer Manierismus, aus dem der Text seine Spannung erzielen will.
  • M.Feßmann: Es bleibt beim Allgemeinen, ein sehr bekanntes Tableau, vor dem Hintergrund des Todes zu vorsichtig und chronologisch herantastend.
  • H.E.Keller: Frische Schilderung eines Begräbnisses. Äußerst präzis. Poetisch gesetzte Bilder. Hätte gern mehr davon gehabt.
  • K.Kastberger: Mit Studenten geht man pfleglich um. Der Text nimmt ein immenses Risiko. (Kastberger ist Dozent von Treber) Ein Text der 1:1 Realität verarbeitet. Ein junger Autor geht relativ schutzlos in die literarische Szene. (mutig)
  • S.Gmünder: Es geht um Welt durch Nähe. Nicht um Abbild von Realität. Spürt große Verlangsamung. Gut beschriebene Details.
  • M.Widerstein: Genauigkeit in der Beschreibung des Geschehens – auffällig die versteckte Aggression des Erzählers. Klingt, als wäre da auch Ekel und Abscheu im Spiel – daraus zieht der Text seine Spannung.

John Wray – Madrigal

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  • H.Winkels: Vielen Dank. Schwer beeindruckt. Eine Autopoesis per Telefon, und wir werden Teil dieser Autopoesis. (erzählt die Geschichte nach). Kalt-Incasso-Eintreiberinnen neigen nicht dazu, Epiphanien zu haben beim Anblick von Vögeln … offenbar begeistert von dieser herrlich paranoiden Phantasie. Winkels der Detektiv. Von einer Kunstfertigkeit sondergleichen …
  • S.Kegel: Dieser Text hat es total in sich. Der Leser wird an der Nase herumgeführt. Das Ehepar im Zimmer: Vermittlung der Kommunikation nicht möglich. Poetik der Verbindung. Text ist sich sehr bewusst, was er hier macht. Eine Kartographie des Möglichen. Ganz toll gemacht, gut erzählt.
  • M.Feßmann: Großes Handwerk. Eine zweite Stimme aber läuft mit und denkt: ist das nicht ein Formatierungsproblem? Es bleibt ein Zweifel, ob da nicht jemand zuviel auf einmal anzeigen wollte. Überwältigt einerseits … aber …
  • H.E.Keller: ein cleverer Trick über Vögel zu schreiben. Amerika und die Vögel, ein Superthema. Gut verdauliche Brocken. Erkennt mit Respekt den Erzählbausatz. Madrigal gleich mad  gleich verrückt. Wird aber so ganz warm nicht mit der Geschichte, das Beliebige vielleicht, irgendwie zu Messie. Fühlt nicht wirklich das Ganze, obwohl ihn wohl ein großer Reifen umspannt.
  • K.Kastberger: großes Vergnügen gemacht, einen Profi am Werk zu wissen. Der Autor weiß, dass der Text brilliant ist. Lässt sich Zeit. Kein Achtel zuviel (Bezugnahme zum Scherz von vorhin) Nachvollziehbares erzählerisches Konzept. Die Geschichten beginnen … beginnen .. beginnen. und man kommt von einer Geschichte zur nächsten … Elemente die Spannung erzeugen, sind perfekt gesetzt. Moment des Schreibens wird gefeiert. Großes Vergnügen.
  • S.Gmünder: dankbar für den Humor, den der Text hat … sehr gute Dialoge. Vielleicht schon beängstigend. Eine Lockerheit, die ihm fast schon zuviel ist.
  • M.Widerstein: … sehr zwiegespalten. Versuchsanordnung für ein Germanistisches Semniar. Ihn stört die Überfrachtung. Schon beim ersten Lesen das Gefühl gehabt, super gemacht, aber es passt mir nicht…

————————                  Pause              —————–

Noemi Schneider – Fifty Shades of Grey

  • H.Winkels: Selma und Louis reisen nicht, sie fliehen. Die Umkehrung des Flüchtlingsstroms, die zweite apokalyptische Geschichte des Tages. Eine sehr lässige von Konsumismus angereicherte Atmosphäre. Der Zynismus der Warenwelt ist jederzeit präsent. Grundstruktur mit Medaillon. – Wovor fliehen die denn? … Und am nächsten Tag sitzen sie auf der anderen Seite und gucken Untergangs-TV.
  • S.Kegel: der Text nimmt eine Metapher wörtlich: der Untergang des Abendlandes. Was Keller stört, findet sie interessant, die Kollision von Katastrophe und Banalem. Mit dem Witz und der Schizophrenie der Sprache findet sie den Text gelungen.
  • M.Feßmann: Lässig erzählt, ja. Das Problem des Textes: Die Dramatugie wird überhaput nicht plausibel. Kann es nicht nachvollziehen, steigt aus.
  • H.E.Keller: Was man wohl Chicklet (?) nennt … findet den Text in der Mischung glatte Rede und Aufmöbeln tragischer Effekte nicht gelungen.
  • K.Kastberger: Glaubt der Interpretation Winkels zum Text zehnmal mehr als dem Text selber. Mag diese Art der Oberflächlichkeit nicht. Muss das denn Barronessk sein … In der Art des Vortrages hat der Text ihm aber besser gefallen, als er ihn gelesen hat … alles so zuckersüß verteilt. Zuviel Kulinarik. Der Text hätte im Bezug zur Flüchtlingskrise mehr Moral zeigen können.
  • S.Gmünder: Eine auf den Kopf gestellte Welt. Hat den Text gern gelesen. Kommunikativ interessant. Nur Versatzstücke: Festhalten. Erinnerung. Insgesamt fand er den Text aber zu durchschaubar.
  • M.Widerstein: … dass man mit den verschiedenn Grauwerten arbeitet … noch interessant … andererseits im Verhältnis zum Thema Flüchtlingskrise unangemessen. Das Abarbeiten an der Liste der Popmarken … eigentlich zwanzig Jahre alt … muss man nicht nochmal haben.

Und nun endlich … die Kritiker ja mal untereinander uneins sein könnten … aber es wird nicht gestritten, es werden in mehr als 50 Grautönen Setzkästchen ausgetauscht, niemand will Winkels zu nahe treten. Verzuckertes Setzkastenprinzip (finde ich Ok). Die Figuren sind lt. Widerstein leider nur Pappkameraden.  Wieder so ein Substantiv: Kulturreferenzen! Sic! Die haben doch nur noch Chips of Grey im Kopf … Ich werde Malina nicht vergesssen in 17 Jahren, sagt Winkels dazu, dafür lohnt sich doch die Verschiebung in eine Art Untergangsszenario. Jetzt doch noch Frau Feßmann. Behauptet, es würde nur behauptet, dass da mehr Fleisch auf den Knochen sei. Wo sie recht hat : zur Apokalypse fehlt dem Text noch ein ganz entscheidendes Stück: Ein Gerüst. Herr Kastberger hat es noch immer mit der Glaubwürdigkeit. Er glaubt dem Text NIX. (.) Ohoh, das ist doch wohl Intentional, meint Winkels, so viele Idiome. Unübersehbar.

Daniel Goetsch – Der Name

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  • H.Winkels: Auf der Suche nach dem Stoff … auf der Suche nach der eigenen Geschichte. Erinnert Winkels an den schon gehörten Wray. Winkels erzählt die Geschichte nach. (der Detektiv … bringt mehr Verwirrung rein, als der Geschichte anzusehen wäre … Achtung Substantiv: Eine Identitätsauflösungsgeschichte. Eine zu durchschaubare Stilprobe des Autors, zusammencollagiert aus Elementen des Romans.)
  • S.Kegel: Vielzu konventionell erzählt dafür, dass er in einen brisanten Raum hinein erzählt. Inhaltlich und sprachlich wird es nicht eingelöst. Letztlich ist es die Geschichte eines, der keine Geschichte hat. Das ist nicht überzeugend.
  • M.Feßmann: Findet eine Menge stilistische Mängel im Text. Die Pinzette wird gezückt … und Parodie sei wohl, dass da jemand nicht zum Äußersten gegangen sei, obwohl klar ist, dass sie es miteinander hatten … (findet die Geschichte nicht gut erzählt, wirft sie später noch einmal ein)
  • H.E.Keller: Hat den Autor eingeladen. Warum: die Themen faszinierend: Das Versagen. Auf sexueller Ebene, die Angst vor dem Versagen nach dem Erfolg als Dramatiker, da will sich jemand aus der Krise rausschreiben. Findet die Geschichte sehr gut ausgeführt, sehr stringent, sieht nichts Holzschnitzartiges. Raffinierte Anlage. Based to a true story. Und: die Konfrontation, das Zusammentreffen der Generationen.
  • K.Kastberger: Text braucht epische Breite. Ein größeres Umfeld, aber für Klagenfurt eher schwer zu beurteilen. Ist weder Apfel, noch Birne, sondern ein Roman … von der Stilistik allerdings wenig auszusetzen. Plausibel gemacht. Alles andere ist spekulativ. Hat gerne zugehört. Aber zu prüfen wohl nur im Kontext.
  • S.Gmünder: Unterscheidung zwischen Gedächtnis und Erinnerung: Erinnerung ist Wertarbeit. Das hätte der Text sein können. Glaubt aber, dass der Text dann zum Opfer seiner einfachen Anlage wird, das wird ihm zu papieren. Findet die Erzählung in Ich-Form alles in allem zu schwach.
  • M.Widerstein: Findet die Lücken unproblematisch, den Text kann man verstehen. Das ist ja nicht nur papieren, sondern die erste Version des Icherzählers, also zu entschuldigen. (Einwand Winkels: Damit geben Sie einen Freifahrschein für jede Art von Bequemlichkeit des oder der Autoren.)

————————                 Ende Tag 1              —————–

Fazit Tag 1: John Wray hat unter den Augen der Jury-Mitglieder mit einem vielschichtigen Text viele Leser an der Nase herumgeführt und deswegen schon heute den Punktsieg über biederes Erzählen, über zu wenig moralisches Rückgrat, über zu viel allgemeines und emblematisches oder einfaches Erzählen davongetragen.  Es folgen noch 9 AutorInnen morgen und übermorgen … die möglicherweise weder Äpfel noch Birnen, noch Figuren oder Setzkästen oder anderes an Apokalyptischem oder Wiedererkennbarem zu beschreiben versuchten … sondern gewiss doch Überraschendes vorzutragen wissen.

 

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