Ingeborg Bachmann Preis 2017 – Tag 2 –

Aus der Geschichte lernen,

mit Geschichten Geschichte verstehen.

Rückblicke auf gestern:

Daniel Goetsch – Der Name

Noemi Schneider – Fifty Shades of Grey

John Wray – Madrigal

Björn Treber – Weintrieb

Karin Peschke – Wiener Kindl

… und … endlich wurden sie mal munter … ? … 

Lesungen Tag 2:

 

Ferdinand Schmalz – mein lieblingstier heißt winter

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  • H.Winkels: Der Text erschließt sich nicht so sehr über das Innere der Figuren, sondern über die Sprache, die sich selbst entwickelt. Stofflichkeit und Materialität der Sprache führen in körperliche Konsistenz der Sprache – wir sind in einem Körperraum, der eine eigene Dimension hat. Hört Ulrich Seidel raus. Bis ins Seriöse gesteigert und extrem gut inszenierte Verengung und Zuführung psychischer Neurose.
  • S.Kegel: makelloser Text, eine Dienstleistungsgeschichte, ein Rehragoutkunstwerk, sehr gut gemacht, frozen moment, total in der Gegenwart – Nahrung und Erlebnis zu konservieren, um es bei Bedarf wieder aufzutauen – ganz ein Text unserer Zeit. Der Charakterzug ist schon abgefahren.
  • M.Feßmann: Ein echter Theatermann, ein Showman – der Auftritt wandelt den anfänglichen Klamak in ein Moritat. Die Mischung zwischen Klamauk und Ernst gelingt, und fesselt –  Mischung zwischen Heiterkeit und Ernsthaftigkeit gelungen
  • H.E.Keller: Schmalz ist eine Figur. Er kann glänzend Figuren schaffen. Der Hut gleich Beuys (?) mit Augustinus geht es ins tiefste Innere der kleinen Leute. Herz und Horvath gehen auf. Lüftet imaginär den Hut.
  • K.Kastberger: Hört auch Hubert Winkels. Ohne Sicht auf die Sprache ist der Text nicht zu verstehen. Der ganze Text basiert auf sprachlicher Setzung. „So sind halt die österreichischen Texte, aus der Sprache heraus“ Ihm geht es wieder um Glaubhaftigkeit. Der Text erfüllt diesen Glaubhaftigkeitsanspruch – ein sprechendes Rehragout – sagt mehr über die Realität in seiner Sprache aus als jeder einem realistischen Zwang folgende Text. Hört auch Horvath.
  • S.Gmünder: … schleppt Kälte mit sich, in sich konserviert … die Innenwelten als Kammerspiel … im Bunker des Feuerwerks … das Wuchtige am Text ist das Zusammentreffen von Hitze und Kälte im Gefrierbrand.
  • M.Widerstein: … kann nur sekundieren, erinnert ihn an Herman Burger … allerdings … wird der Text dadurch auch immunisiert … das überdeckt, dass hier sehr unterschiedliche Dinge zusammengeführt werden, die einander fremd bleiben. Wo eigentlich ist hier das sprechende Ragout ? – nur ein kleiner Einwand. Die anderen erklären ihm das am Beispiel des Hirsches. Winkels dazu: Man habe ja letztes Jahr auch ein sprechendes Ei honoriert.

Nachbetrachtung Schmalz

Barbi Markovic – Die Mieter

  • H.Winkels: Man ist auf einer parabolischen Bahn und folgt nur noch einer imagnierten Reihe von Ereignissen. – Man versteht es. Die Parabel zu allgemein. Man kann es auf Dr. Mabuse auf Fritz Lang beziehen … man kann es auf Diktaturen beziehen … man kann es auf physikalische Entropien beziehen … aus dem Interpretationsmuster kommt man nicht mehr raus, deswegen wird der Text einfach langweilig, zu einer groben Parabolik
  • S.Kegel: Das interessante an dieser Anordnug ist, dass die Wohnung das Unheimliche darstellt. Die Wohnung besitzt die Menschen. In dieser Diktatur der Wohnung nun die Geschichte der Schwestern.
  • M.Feßmann: Man braucht es nicht interpretatorisch lesen, sondern als Hyperrealismus. Gut findet sie, dass man Ironie und Ernst nicht auseinanderhalten kann. Wir wissen nicht, ob es lustig ist, oder grausam. Die eigentliche Heldin ist die Wohnung, in der die Familie all ihre Bräuche auslebt. Trotzdem nicht ganz gelungener Text. Die Grundidee des aufreizenden Rahmens wird dann runtergebetet auf Evi, Martha …
  • H.E.Keller: Der Text hat Kraftzentren, Frauen zwischen Tradition und Innovation, Situation einer Familie, die in diesen Herausforderungen steht, Aufbruch zu einem neuen Leben, diese Zentren fand sie stark. Aber diese Zentren sind isoliert, und das Davor und Danach findet also auch statt …
  • K.Kastberger: Parabelhafter Text. Steht in der literarischen Tradition  …. (welcher?) er erwähnt Polanski … greift seine Jury-Mitglieder an … dass sie das nicht gesehen haben: dass zwischen den Figuren etwas geschieht! Emmotionen. Wie können wir in diesem Familienverband … der in sich geschlossen ist … entkommen?! Das Ende wirklich spannend. Kann man doch nicht sagen, dass da nichts passiert …  Wehrt sich offenbar gegen den Langeweile-Vorwurf. Bringt in einem zweiten Einwand Kafka ins Gespräch.
  • S.Gmünder: Hat Norman Bates gesehen, weniger Reinald Goetz. Erreicht einen Schwebezustand der Uneindeutigkeit. Fand den Text mit der Zeit etwas zu redundant. Er hat ihn trotzem alles in allem überzeugt.
  • M.Widerstein: War froh, dass die Wohnung dem Ganzen irgendwann ein Ende macht. Hat sich auch gelangweilt. Man kann … man kann … aber alle Fenster werden wieder geschlossen, er hat den Schwebezustand nicht wahrgenommen und wiederholt das dritte Mal, dass er sich gelangweilt hat. Die Potentiale sind nicht gehoben worden.

Nachbetrachtung Markovic

Verena Dürr – Memorabilia

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  • H.Winkels: Es gibt halt Texte, die nicht über Figuren entwickelt werden. Eine bestimmte Form der Entsinnlichung der wahren Welt. Die Tonlosigkeit des Textes entspricht der Geruchs- und Farblosigkeit der Realität. Grandios, wie man so tonlos etwas entwicklen kann. Mit großer Präzision gemacht. Gut gemachte Konzeptkunst. (As Time goes by: ich nehme ein Objekt aus dem Markt, aus der Zeit, um seinen Wert zu steigern – ist ihm jetzt erst aufgefallen – Erkenntnisgewinn)
  • S.Kegel: kein Rechercheplot – eher synthetisch zusammengestellt – ein affektfreier Lesererzähler. Hat inhaltliche Fragen. Ist das Wegschließen der Affekte in ein Zollfreilager wirklich das Bild unserer Zeit?
  • M.Feßmann: Beschreibt Dinge die dem Erinnern und Wahrnehmen entzogen sind und eine Wertsteigerung erfahren … der Text arangiert dieses Setting zwar, fügt ihm aber nichts hinzu. Kein Eigensinn, nichts Eigenes, kommt über rein jounalistisches Schreiben nicht hinaus.
  • H.E.Keller: Wir stehen am Berg. Dieser Berg ist ein Safe, ein Reliquienschrein. Kleine Leute der anderen Art. Außerordentlich eigener Text. Eine ganz eigene Stimme. Äußerst raffiniert gemacht. Eine Reportage oder eine Parabel, jeweils vom Feinsten? Ein Bodybuildinggerät für hermeneutische Muskeln.
  • K.Kastberger: Gut: ein Text jenseits klassischer Erzählformen. Mit einfachen Mitteln erlaubt er einen Blick hinter die Kulissen. Casablanca und As Time goes by sollte man schon kennen … der Text stellt schon noch die Frage: wie werden kulturelle Werte geschaffen … ob das nicht sogar ein Text ist, der auf „uns“ rückrefferenziert.
  • S.Gmünder: Spekulationen und Wertsteigerungen von allem … Wieso die Kühe Glocken tragen? Damit man sie von den Ureinwohnern unterscheiden kann. Ist ihm zu zelebral, ein bisschen zuviel Kopf.
  • M.Widerstein: Das Zollfreilager in der schweizer Höhle. In der Tradition von Burger bis Kracht … eine Art Satire auf die Oberflächlichkeit des Kunstmarktes, die Oberfläche wird aber in die Höhle getragen … fängt an wie journalistischer Text und literarisiert sich zunehmend wunderbar.

Nachbetrachtung Dürr

———————— Pause —————–

Jackie Thomae- Cleanster

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  • H.Winkels: Läuft so flockig daher, und wo die Dringlichkeit sei? Nun, die sitzt und kauert da unterm Tisch … wie ein Gefangener im Käfig … aus der Migration in den Käfig … bleibt ihm nur, sich umzubringen? Insgesamt: Gute Dialoge. Großes handwerkliches Können.
  • S.Kegel: Ein Kammerspiel. Schöne Anlage einer Figur das Interieur einer anderen Figur zu zeigen. Das Stück hätte das Potential zu zwei hochgesteckten Portraits. Der Anfang ist wirklich toll, wie die Arbeitswelt in die Privatwelt eingreift. Auf der Strecke aber verliert es seine Evidenz.
  • M.Feßmann: Ein Parcour für Fettnäpchen und Klischees. In großen Teilen gut gemacht, gut erzählt, aber zu glatt für das Thema
  • H.E.Keller: teilt die gemischte Stimmung. Die Struktur, die Montage aus Arbeitsreport und auf der anderen Seite gespiegelt die Dialoge, doch dann wieder die Frage nach der Dringlichkeit. Text verliert sich in Seitenberichten. Hätte gern ein paar Abgründe der Figuren kennengelernt.
  • K.Kastberger: Vergleichsweise kleine Probleme, die Leichtigkeit gefällt, die Unsicherheit beider Seiten gut dargestellt, sowohl die der Putzer als auch die der Beputzten. Flott erzählt, mit Schwung, die Dringlichkeit und Notwendigkeit ist ihm a bisserl abgegangen.
  • S.Gmünder: Ein Problem könnte in der Leichtigkeit des Textes liegen. Erwartet ein bisschen mehr Wucht. Ebenfalls zwiegespalten.
  • M.Widerstein: Hervorragend vorgelesen. Fast Höspielqualität. Toll, dass der Text macht, was Literatur tun sollte: beschreibt uns die Bigotterie unserer Dienstleistungs- und Wohlstandsgesellschaft. Alles schön leicht, und nachvollziehbar.

Nachbetrachtung Thomae

Jörg-Uwe Albig – In der Steppe

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  • H.Winkels: eine der wenigen Liebesobjekte die ihm einleuchten ist die Kapelle. Diese allerdings dann übergeht in die allumfassende Objektliebe des Urknalls, des Lebens, der eigenen Geburt, und zwar massiv … bis zur Phötusphantasie, und die Madeleine, die Mutter, ein Problem, das kein Text der Welt gelöst bekommt. Too much von allem.
  • S.Kegel: Antwort auf Kastberger: Man muss nur einmal googlen: nach Objektophilen. Natürlich haben Dinge eine Seele. Problem an dem Text bleibt allerdings: er ist überfrachtet. Verstellt durch Über-Ambition. Eher irritiert.
  • M.Feßmann: Eine Leidensgeschichte. Der Erzähler nimmt sich alle Zeit der Welt. Es ist vor allem eine Liebesgeschichte einer erkalteten Liebe. Die Zurückweisung hat ihn in eine Versteinerung, in eine Depression getrieben. Text hat viele viele starke Bilder. Konkrete Anschauung mit Imagination verbunden. Der blaualgenfarbene Himmel. (findet es enttäuschend, dass „diese Runde“ keine klassische Liebesgeschichte mehr versteht – in seinem Pathos – offenbar sehr enttäuscht.)
  • H.E.Keller: Eine Art Essay in einer mystischen Umgebung, Gebäude, Raum und schützende Hülle führen zur mystischen Union mit der Erde. Als Versuch respektabel. Eine unerhörte Fülle an Adjektiven. Aber auch schöne Alliterationen
  • K.Kastberger: Dick aufgetragen, alles was an schrägem Pathos möglich ist, wird aufgeboten. Unglaubliche Schminke. So pathologisch emphatisch, dass er das Gesicht des Textes nicht mehr erkennt. Neu in der Literatur allerdings: Dass sich ein Mann in eine Kapelle verliebt. Ob das allerdings Bestand haben wird …
  • S.Gmünder: schonmal schön, dass es endlich auch mal um die Liebe geht … ein unglaublicher Liebesschwall. Hat ihm nicht schlecht gefallen wegen der Abgedrehtheiten, sicherlich gewöhnungsbedürftig. die personale Erzählweise vielleicht nicht ganz korrekt. Hinweis auf Joy Division.
  • M.Widerstein: Zum Setting: In der Steppe. Eigentlich noch ein schönes Bild. Positiv außerdem, dass dieser Charakter eine Wandlung durchmacht. Und dann kommt leider dieser Lastwagen mit diesem Schmonz und kippt es wieder zu. Da bleibt sicher noch mal was hängen: Wie ein Mann ein Objekt sein will.

Nachbetrachtung Albig

„Sie ertragen keine pathetischen Texte mehr, sondern nur noch ironische.“ Sagt Frau Feßmann zu Herrn Kastberger, nachdem der von einem aufgeblähten Monstrum sprach mit lauter zusammengegoogelten Bausteinen, die kein Mensch braucht.

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Projektion: Offenbar gibt es eine Sehnsucht nach Text oder eine Erwartung an Text, die sich der Realität zuwendet, sich ihr stellt, aber die Realität scheint zu sperrig, scheint nicht dem Plot folgen zu wollen, erscheint durch die Darstellung noch langatmiger, noch langweiliger oder eben nicht bewältigbar, im Ergebnis zwiegespalten.

Daher die Favoriten in Texten zu suchen sind, die sich ins Sprachnetz einweben, dort werden sie von den Juroren gern aufgespürt und gesucht.

Das Selbstgefallen an der Sprache führt auch zum Gefangensein in der Sprache – derjenigen, die sie verwenden, professionell oder schriftstellerisch, kritisch oder handwerklich. Eine Falle, aus der es ästhetisch oder sprachlich kaum einen Ausweg gibt, so die Gegenwart oder das, was Realität sein soll, sprachlich bezwungen werden will.

Warum sich also der Wirklichkeit stellen, wenn sie sich dem Zugriff versperrt?

Das Spiel mit der Wirklichkeit dieses Jahr gegen das Spiel mit der Sprache verliert?

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TAG 3 habe ich leider keine Möglichkeit bloggend zu begleiten. (Kein Internet) Schaue mir das dann am Montag an. Beste Grüße … Clemens

— unterwegs im Farn der Wirrniss und dem flatschenden Glanz der Apfelröte …

—-Der Vollständigkeit halber Tag 3 als Linksammlung:

Eckhard Nickel – Hysteria

nickels_neu_body-5627565                                         Jury: Text kam an

Maxi Obexer – Europas längster Sommer

obexer_body-5626674                                          Jury: nicht einig

Urs Mannhart – Ein Bier im Banja

mannhart_body-5626681                                         Jury: Pferde Hund und Wolf

Gianna Molinari – Loses Mappe

molinari_body-5626672                                          Jury: zwiegespalten

Pressestimmen:

Welt: 3 Texte hätten gereicht

Tagesspiegel: Halluzinationen im Supermarkt

Die Zeit: keine Zeit für Frostbeulen

Süddeutsche Zeitung: So lalala

Der Standard: die kleinen Dinge können Freunde machen

der Freitag: Das Wünschelrouten findet nur Himbeeren mit denen was nicht stimmt

 

 

 

 

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